{"id":111,"date":"2013-08-21T01:21:32","date_gmt":"2013-08-20T23:21:32","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.groeg.de\/?p=111"},"modified":"2013-08-21T01:21:32","modified_gmt":"2013-08-20T23:21:32","slug":"das-monster-der-sterblichkeit-christian-moser-ist-tot","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/blog.groeg.de\/?p=111","title":{"rendered":"Das Monster der Sterblichkeit: Christian Moser ist tot."},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/blog.groeg.de\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/moser_trauer.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-113 alignnone\" style=\"margin-left: 25px; margin-right: 25px;\" title=\"Christian Moser ist tot\" src=\"http:\/\/blog.groeg.de\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/moser_trauer.jpg\" alt=\"\" width=\"497\" height=\"397\" srcset=\"http:\/\/blog.groeg.de\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/moser_trauer.jpg 497w, http:\/\/blog.groeg.de\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/moser_trauer-300x239.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 497px) 100vw, 497px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Auf dieses Wiedersehen mit Christian hatte ich mich ganz besonders gefreut: Im Schwabinger Vereinsheim war \u201eCaf\u00e9 Melanie\u201c angek\u00fcndigt \u2013 jene viel zu selten geh\u00f6rte skurrile Herrenkapelle aus Christian Moser und Severin Groebner, die mit Hingabe und Elektropiano absurdes eigenes Liedgut schmetterte. Aber am Nachmittag vor der Vorstellung kam eine launige E-Mail: Die eine Duoh\u00e4lfte (er selbst) sei krank, die andere (Severin) aber auch allein hinl\u00e4nglich komisch. Das klang f\u00fcr mich nach einer kleinen Unp\u00e4sslichkeit \u2013 doch dann h\u00f6rte am n\u00e4chsten Morgen Christians Herz pl\u00f6tzlich zu schlagen auf.<\/p>\n<p>Die Zeitungen schreiben von einem Infarkt und einem Herzfehler, Christians Freunde sagen, das sei gar nicht sicher \u2013 aber letztendlich spielt es auch gar keine Rolle. Christians von Kreativit\u00e4t spr\u00fchendes Leben als Musiker, Comiczeichner, Autor, Illustrator, Darsteller \u2013 und als gesch\u00e4tzter Freund ist mittendrin urpl\u00f6tzlich zu Ende. Unerwartet. Unerkl\u00e4rlich. Unfassbar.<\/p>\n<p>Musik, Comics, B\u00fccher, Bilder, Inszenierungen \u2013 schon allein Christians k\u00fcnstlerisches Wirken scheint kaum zu umfassen. Eines aber verband alle seine Facetten: Die bewundernswerte F\u00e4higkeit, gro\u00dfe Fragen und lange Geschichten in wenigen, aber klaren und sinnlich erfahrbaren Z\u00fcgen darzustellen. Das klingt fast mehr nach einer Lehrer\u00adpers\u00f6nlichkeit. Und tats\u00e4chlich: Christian h\u00e4tte \u2013 da bin ich mir vollkommen sicher \u2013 jeden Klassenraum, auch jeden H\u00f6rsaal mit seiner leisen, sympathischen Autorit\u00e4t f\u00fcr sich erobern k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Er aber w\u00e4hlte als Autor und Zeichner seinen ganz eigenen, besonderen Weg. In aufw\u00e4ndig mit eigenen Zeichnungen gestalteten B\u00e4nden stellte er Geistesgr\u00f6\u00dfen wie Johann Wolfgang von Goethe oder Sigmund Freud samt Werk und Wirken vor. Und breitete seine Bildung grade im vermeintlich \u201ebildungsfernen\u201c Genre des Comics aus.<\/p>\n<p>Seine Perfektion aber fand Christian in meinen Augen in den \u201eMonstern des Alltags\u201c: Der Neid, die Heuchelei, das schlechte Gewissen, der Weltschmerz, \u00a0die innere Leere \u2013 und Dutzende weitere kleine und gr\u00f6\u00dfere menschliche Schw\u00e4chen erhielten von Christian als knuffige Wesen mit gro\u00dfen Augen und bunten Farben eine greifbare Gestalt.<\/p>\n<p>Die Monsterbilder zu betrachten ist ein Vergn\u00fcgen \u2013 aber sie entwickeln dar\u00fcber hinaus blitzschnell eine aufkl\u00e4rerische Kraft. Im Angesicht von Christians Sch\u00f6pfungen fand ich mit anderen Menschen ins Gespr\u00e4ch tief unter allen Oberfl\u00e4chlichkeiten: Sonst scheinbar Unaussprechliches wird bildlich begreifbar, der subtile Humor der Zeichnungen bet\u00e4ubt Schmerz und Furcht, die pl\u00f6tzlich so putzigen Verfehlungen auch in sich selbst zu suchen. \u00a0Mosers Monster sind Kunstwerke, Gespr\u00e4chstherapie und philosophischer Diskurs in einem \u2013 in Christians Bildern wird das ganz gro\u00dfe ganz klein \u2013 um sich dann in den K\u00f6pfen seiner Leser und Betrachter wieder zu einem schier unendlichen Kosmos zu entfalten.<\/p>\n<p>Eingebettet hat Christian die Monsterbilder in das hingebungsvoll mit lateinischen Gattungen und Grafiken gestalteten Layout eines klassischen zoologischen Atlanten \u2013 eigentlich h\u00e4tten seine B\u00e4nde statt des Paperbacks einen Ledereinband verdient gehabt. Und der Welt der Studierzimmer und Lederfolianten schien er auch selbst selbst entstiegen zu sein, wenn er im Kittel mit spitzb\u00fcbischem Ernst und einem Diaprojektor seine Gesch\u00f6pfe pr\u00e4sentierte. Dieses Bild des sympathischen Forschers und Suchers fand seine schl\u00fcssige Fortsetzung in der liebevoll gestalteten Altbauwohnung, die Christian in der M\u00fcnchner Au gemeinsam mit ungez\u00e4hlten Bildern und Skulpturen seiner Monster bewohnte und die mir stets ein Wenig das Gef\u00fchl vermittelte, ein zoologisches Institut zu betreten.<\/p>\n<p>Was nun aber den bewundernswerten K\u00fcnstler Moser so wirklich liebenswert machte, war seine sp\u00fcrbare Zuwendung und sein Mitgef\u00fchl mit allen seinen Figuren \u2013 und also auch dem dahinter verborgenen Menschen \u2013 auch, oder sogar gerade im Angesicht von Fehlern und Schw\u00e4chen.\u00a0 Selbst in seiner Bild-Biografie Karl Mays \u2013 den Christian in unerbittlicher historischer Korrektheit als L\u00fcgner, Hochstapler und Kleinkriminellen entlarvt \u2013 bewahrt der zusammenphantasierte Superheld und Universal\u00adgelehrte stets W\u00fcrde und kann Mitgef\u00fchl auf sich ziehen. Und als ich selbst das gro\u00dfe Vergn\u00fcgen hatte, gemeinsam mit Christian auf der B\u00fchne Psychologie und Physik des deutschen Autofahrers\u00a0 zu ergr\u00fcnden, entdeckte er mir auch in den PS-protzenden Rasern ganz vertraute menschliche Z\u00fcge.<\/p>\n<p>Ich hatte bei all unseren Begegnungen den Eindruck, dass das Gl\u00fcck und die vers\u00f6hnliche Erkenntnis, die seine Werke stifteten, auch Christian selbst still begl\u00fcckt haben. Und dass das Leben, aus dem es ihn in voller Fahrt herausgerissen hat, ein gl\u00fcckliches gewesen ist. Das mag ein kleiner Trost sein im Angesicht des liebens- und bewundernswerten Menschen, den wir mit Christian verloren haben. Wie sehr ich ihn sch\u00e4tzte und wie er mir fehlen wird, das habe ich mit diesen Zeilen grade erst zu begreifen begonnen. Und ebenso begreife ich, wie viel Gl\u00fcck und Vergn\u00fcgen er verschenkt hat.<\/p>\n<p>Danke f\u00fcr das alles, Christian. Und adieu.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf dieses Wiedersehen mit Christian hatte ich mich ganz besonders gefreut: Im Schwabinger Vereinsheim war&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[131],"tags":[132,133],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/blog.groeg.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/111"}],"collection":[{"href":"http:\/\/blog.groeg.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/blog.groeg.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/blog.groeg.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/blog.groeg.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=111"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/blog.groeg.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/111\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/blog.groeg.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=111"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/blog.groeg.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=111"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/blog.groeg.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=111"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}