{"id":134,"date":"2015-03-06T12:21:22","date_gmt":"2015-03-06T10:21:22","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.groeg.de\/?p=134"},"modified":"2015-03-07T17:49:30","modified_gmt":"2015-03-07T15:49:30","slug":"dschungelcamp-im-wienerwald","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/blog.groeg.de\/?p=134","title":{"rendered":"Dschungelcamp im Wiener Wald"},"content":{"rendered":"<p><strong><a href=\"http:\/\/blog.groeg.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/Wienerwald-med.gif\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright size-full wp-image-135\" title=\"Geschichten aus dem Wiener Wald - mit Textmarker-Hervorhebungen\" src=\"http:\/\/blog.groeg.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/Wienerwald-med.gif\" alt=\"\" width=\"535\" height=\"638\" srcset=\"http:\/\/blog.groeg.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/Wienerwald-med.gif 535w, http:\/\/blog.groeg.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/Wienerwald-med-251x300.gif 251w\" sizes=\"(max-width: 535px) 100vw, 535px\" \/><\/a>Christian St\u00fcckl inszeniert am M\u00fcnchner Volkstheater \u00d6d\u00f6n von Horv\u00e1th f\u00fcrs Privatfernsehen. <\/strong><\/p>\n<p>7, 5 Millionen Zuschauer zum Auftakt der 9. Staffel von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ich_bin_ein_Star_%E2%80%93_Holt_mich_hier_raus!_%28Staffel_9%29\" target=\"_blank\">\u201eIch bin ein Star \u2013 Holt mich hier raus!\u201c<\/a> k\u00f6nnen nicht irren? Das mag sich <strong>Christian St\u00fcckl<\/strong> gefragt haben, als er am M\u00fcnchner Volkstheater die Inszenierung der jahrzehntelang in der gymnasialen Oberstufe verschlissenen <a href=\"https:\/\/www.muenchner-volkstheater.de\/spielplan\/repertoire\/geschichten-aus-dem-wiener-wald\" target=\"_blank\">\u201eGeschichten aus dem Wiener Wald\u201c<\/a> in die Hand nahm. Denn was es als Resultat auf der B\u00fchne des M\u00fcnchner Volkstheaters zu sehen gibt, setzt mit kompromissloser Konsequenz auf alle Elemente des Dschungelcamp-Erfolgsformats.<\/p>\n<p>Ins Camp eingezogen sind die hinreichend bekannten C-Promis aus der Deutschstunde: <strong>Marianne <\/strong>(Lenja Schultze), bildungsferne Tochter aus dem Ein-Euro-Shop des <strong>Zauberk\u00f6nigs <\/strong>(Jean-Luc Bubert), die im Kurz-Vorkriegs\u00f6sterreich vor ihrer Verheiratung mit <strong>Oskar <\/strong>(Pascal Fligg),<strong> <\/strong>Metzger aus Leidenschaft, im letzten Augenblick in die Arme und Lenden des metrosexuellen <strong>Alfred <\/strong>(Max Wagner)<strong> <\/strong>fl\u00fcchtet und ihre diesbez\u00fcgliche Entschlossenheit mittels unehelichem Nachwuchs <strong>Leopold <\/strong>(nur akustisch wahrnehmbar)<strong> <\/strong>unterstreicht.<\/p>\n<p>F\u00fcr die pseudo-archaische Naturkulisse sorgt im Volkstheater die b\u00fchnenf\u00fcllende Waldidyll-Fototapete mitsamt vorgelagertem Teichfolien-Feuchtbiotop, in dem sukzessive das gesamte Ensemble baden geht und aus dem zwischendurch (Ekelpr\u00fcfung) auch mal getrunken wird. In durchn\u00e4sster Garderobe wird beim Planschen der ein oder andere Koitus angedeutet \u2013 gelegentlich auch mal mit entbl\u00f6\u00dftem Busen, aber selbstverst\u00e4ndlich doch stets fernsehgem\u00e4\u00df in den Grenzen der freiheitlich-demokratischen Grundordnung.<\/p>\n<p>Totale Nacktheit geht auch schon deshalb nicht, weil im Reality-TV ja alle Figuren stets so grell kost\u00fcmiert sein m\u00fcssen, dass sie auch im <a title=\"YouTube-Video Volkstheater\" href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=ImaZgiwMSQQ\" target=\"_blank\">YouTube-Video<\/a> auf einem Handybildschirm noch sicher auseinander zu halten sind \u2013 eine Anforderung, der die Volkstheater-Inszenierung (B\u00fchne und Kost\u00fcme: Stefan Hageneier) mit einer Kost\u00fcm-Farbpalette quer durch das Sortiment aller handels\u00fcblichen Textmarker bravour\u00f6s nachkommt.<\/p>\n<p>Als retardierende Momente des exhibitionistischen Spektakels gibt es einige \u2013 auch im TV immer wieder gern zwischengeschobenen \u2013 divergent talentierten Gesangseinlagen zur Klavierbegleitung.<\/p>\n<p>So ist nach sp\u00e4testens 15 Minuten klar: Horv\u00e1ths biederes Spie\u00dferidyll, dessen Bestialit\u00e4t der Zuschauer in der traditionellen Darstellung erst noch selbst nach und nach enttarnen muss, ist hier vom ersten Augenblick an eine Freakshow, deren Kandidaten sich mit allen Registern aus Hysterie, Zote und schw\u00fclen Andeutungen an den Zuschauer heranzuwerfen scheinen. Dementsprechend gibt es in den Figuren kaum mehr Geheimnisse zu entdecken und auch keine charakterliche Beweglichkeit. Horv\u00e1ths im B\u00fcrgergewand getarnte Monster wirken folglich in etwa so erschreckend, wie die elektrischen Zombies in der Geisterbahn und sogar Nachwuchs-Nazi Erich (Johannes Meier) verliert als sich st\u00e4ndig selbst herumkommandierender blondierter Pfadfinder mit Schusswaffe jede Bedrohlichkeit.<\/p>\n<p>Im TV ist diese Berechenbarkeit ein entscheidendes Erfolgskriterium, um nach Bierhol-Auszeit oder anderer Bed\u00fcrfnis\u00adverrichtung nicht die gedankliche Wiedereingliederung ins fortlaufende Programm zu gef\u00e4hrden.\u00a0 Im Volkstheater aber beginnt sich das Publikum nach etwa einer Stunde deutlich h\u00f6rbar zu langweilen, weil sich der Herrenwitz-Marathon irgendwann totgelaufen hat und au\u00dferdem im Unterschied zum heimischen TV hier die Gelegenheit fehlt, nebenher zu b\u00fcgeln oder Geschirr zu sp\u00fclen. Die nach 90 Minuten recht pl\u00f6tzlich hereinbrechende Pause l\u00f6st deshalb sp\u00fcrbare Erleichterung im Saal aus.<\/p>\n<p>Anschlie\u00dfend gewinnt die \u00f6sterreichische Dschungel-Soap tats\u00e4chlich doch noch einmal an Kraft. Nach einiger Slapstick-Artistik an der bayerischen Bierbank steuert die Handlung unausweichlich auf Horv\u00e1ths demaskierendes Finale hin: Mariannes Kind wird sterben, weil seine entmenschte Gro\u00dfmutter (Ilona Grandke) es mutwillig der kalten Nachtluft aussetzt \u2013 ein Detail, das leider im Volkstheater untergeht und so den Blick darauf verstellt, mit welcher Grausamkeit sich die Gro\u00dfmutter mit ihrem autorit\u00e4ren Fazit <em>\u201eWo kein Segen von oben dabei ist, das endet nicht gut und <strong>soll <\/strong>es auch nicht!\u201c<\/em> selbst zum Vollstrecker ihres rachs\u00fcchtigen Gottes erkl\u00e4rt.<\/p>\n<p>Als aber im inzwischen stark verm\u00fcllten Idyll schlie\u00dflich alle um den leeren Kinderwagen herumstehen, ist es nach zwei Stunden Gebr\u00fcll, Geschepper und kleineren Detonationen pl\u00f6tzlich totenstill auf der B\u00fchne \u2013 die grellen, lauten Figuren wirken im Angesicht der Katastrophe vollkommen hilflos \u00fcberfordert und k\u00f6nnen gerade dadurch doch noch einmal anr\u00fchren. Schlussendlich landet Marianne so doch noch in den zupackenden Armen ihres best\u00e4ndigen Metzgers (<em>\u201eMeiner Liebe entkommst du nicht!\u201c<\/em>), der ihr im Moment des finalen Blackouts leidenschaftlich in den Hals bei\u00dft.<\/p>\n<p>Pers\u00f6nliches Fazit: St\u00fcckl inszeniert konsequent nach den Regeln des \u201eUnterschichtenfernsehens\u201c\u00a0 &#8211; und f\u00e4ngt sich damit zwangsl\u00e4ufig alle Gem\u00fcts- und Geschlechtskrankheiten dieses Genres ein. Worauf sich leicht mit einigem Geschrei \u00fcber die Profanisierung der Horv\u00e1thschen Hochkultur reagieren lie\u00dfe.<\/p>\n<p>Sobald aber der erste Zorn verflogen ist, beginnt die Entdeckung, welche neuen Eindr\u00fccke aus der Verbindung der beiden Kulturwelten entstehen: \u00a0Der Zuschauer erwischt sich irgendwann selbst in der Rolle des schadenfrohen TV-Voyeurs mit der selbstgerechten \u00dcberzeugung, dass die eitlen und unsympathischen Fatzkes auf der B\u00fchne es auch nicht anders verdient h\u00e4tten. Und wird schlussendlich von der wahrhaften Tragik der Horv\u00e1thschen Vorlage umso mehr getroffen.<\/p>\n<p>Die Abscheu vor den sich v\u00f6llig w\u00fcrdelos prostituierenden Figuren weicht dabei dem Respekt an das dahinter verborgenen Ensemble, das sich schonungslos allen physischen und psychischen Qualen des menschenverachtenden Reality-TV-Formats ausliefert und es wom\u00f6glich gerade durch manches darstellerische Understatement fertig bringt, den Zuschauer irgendwann sein Abitur und den dahin f\u00fchrenden Deutschunterricht vergessen zu lassen.<\/p>\n<p>Trotz der Umsetzung in einem Belanglosigkeits-Format: Belanglos ist der Abend im Volkstheater also ganz gewiss nicht. \u00dcber gewisse Strecken ist er sogar sehr unterhaltsam. Vielleicht lohnt es sich jedoch, f\u00fcr die 30 Minuten vor der Pause das Strickzeug mitzubringen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christian St\u00fcckl inszeniert am M\u00fcnchner Volkstheater \u00d6d\u00f6n von Horv\u00e1th f\u00fcrs Privatfernsehen. 7, 5 Millionen Zuschauer&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[11],"tags":[135],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/blog.groeg.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/134"}],"collection":[{"href":"http:\/\/blog.groeg.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/blog.groeg.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/blog.groeg.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/blog.groeg.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=134"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/blog.groeg.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/134\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":160,"href":"http:\/\/blog.groeg.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/134\/revisions\/160"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/blog.groeg.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=134"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/blog.groeg.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=134"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/blog.groeg.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=134"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}