{"id":39,"date":"2008-10-09T13:45:45","date_gmt":"2008-10-09T11:45:45","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.groeg.de\/?p=39"},"modified":"2008-10-09T18:47:50","modified_gmt":"2008-10-09T16:47:50","slug":"nicht-nicht-helfen-wollen-hilft-nicht","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/blog.groeg.de\/?p=39","title":{"rendered":"Nicht nicht helfen wollen hilft nicht."},"content":{"rendered":"<p><strong>Veranstaltung am 3.10.2008 \/ <a href=\"http:\/\/www.muenchner-kammerspiele.de\/index2.php?&#038;URL=stueck.php?ID=992\" target=\"_new\">Kaspar H\u00e4user Meer, M\u00fcnchner Kammerspiele<\/a><\/strong><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" align=\"right\" src=\"http:\/\/blog.groeg.de\/wp-content\/uploads\/2008\/10\/erledigt.jpg\" alt=\"Erledigt!\" \/><\/p>\n<p>Ein Amt in Deutschland: Schreibtische, Formulare, Hirarchien. Materialisierte Langeweile. Eigentlich. Nur dass auf dem Jugendamt eben nichts Abstraktes, sondern das Schicksal von Kindern und Familien verwaltet wird und ein Verwaltungsakt so schnell zur Entscheidung \u00fcber Leben und Tot werden kann. <\/p>\n<p>Jugendamtssozialarbeiter Bj\u00f6rn hat diesem Druck nicht standgehalten und ist mit Diagnose B(j)\u00f6rn-Out auf unbestimmte Zeit aus dem Rennen. Seine drei Kolleginnen Barbara, Silvia und Anika stehen ratlos vor dem Scherbenhaufen und vor seinen fernm\u00fcndlichen Beteuerungen, doch nicht nicht helfen zu wollen.<\/p>\n<p>Dass solch ein Ausgangsszenario nicht notwendiger Weise in eine hilflos verschwurbelte Kevin-Gerichtsakte m\u00fcnden muss, beweist <a href=\"http:\/\/www.s-line.de\/homepages\/zellereff\/\" target=\"_new\">Felicia Zeller<\/a> in ihrem Drama &#8222;Kaspar H\u00e4user Meer&#8220; &#8211; derzeit in der Regie von <a href=\"http:\/\/www.muenchner-kammerspiele.de\/ensemble.php?ID=103\" target=\"_new\">Lars-Ole Walburg<\/a> in den M\u00fcnchner Kammerspielen zu sehen (Weitere Termine <a href=\"http:\/\/www.muenchner-kammerspiele.de\/index2.php?&#038;URL=stueck.php?ID=992\" target=\"_new\">hier!<\/a>). Zentraler Tr\u00e4ger des Abends ist Zellers gro\u00dfartiger Text, der in hohem Tempo Andeutungen, Assoziationen und Fragmente streut und damit die Gedanken der Zuh\u00f6rer st\u00e4ndig in wacher Bewegung h\u00e4lt.<\/p>\n<p>Walburgs Inszenierung ordnet sich diesem Meisterwerk respektvoll unter und verhilft dem Text ideenreich zu besonderer Wirkung. Da ist zun\u00e4chst der Clou, alle drei Damenrollen von jungen M\u00e4nnern im Rock spielen zu lassen. Das erzeugt am Anfang zwar verlegenes Kichern im Saal &#8211; aber schon nach wenigen Augenblicken ist klar, dass hier keine billige Transennummer zu sehen ist, sondern im Gegenteil durch dieses Befremden alle Frauenfiguren vor dem Abrutschen ins Klischee gesch\u00fctzt werden.<\/p>\n<p>Lasse Myhr, Steven Scharf und Sebastian Weber beherrschen auch als m\u00e4nnliche Darsteller souver\u00e4n jeden weiblichen Ausdruck und spielen gelungen mit dem \u00dcber- und Untertreiben der Darstellung, wenn der Text das Publikum mitunter direkt anspielt, es dann aber \u00fcber weite Strecken als unsichtbaren Voyeur am Geschehen teilhaben l\u00e4sst &#8211; oder wenn die drei Figuren sich selbst gegenseitig Theater vorspielen.<\/p>\n<p>Allein durch den Blick ins Amt wird aus vorgelesenen Formularen, belauschten Telefongespr\u00e4chen und den Debatten der drei Damen nach und nach das ganze grausame Spektrum famili\u00e4ren Leidens sichtbar, ohne dass sich die Handlung in Gewalt- und Ekel-Exzessen festfahren w\u00fcrde &#8211; was beweist, wie klug Felicia Zeller daran tat, f\u00fcr ihren Blick auf das Kinderelend gerade die Verwaltungsperspektive zu w\u00e4hlen. <\/p>\n<p>Zwischen diesen intensiven Momenten schaft Regisseur Walburg Gelegenheit zum Atemholen und manchem befreienden Gel\u00e4chter: Da ziehen die Damen vom Amt mit pl\u00fcschtier-best\u00fccktem Patronengurt in Rambo-Manier in die Kindswohl-Kampfzone. Ein Zementmischer speit mit qu\u00e4lender Langsamkeit geschundene Puppen aus. Oder die Jugendamtssozialarbeiterinnen tragen auf dem schwankenden Boden ihrer rollenden Schreibtische ihre Konflikte in einer gro\u00dfen Karambolage aus.<\/p>\n<p>Neben allen Betrachtungen des Kinder\u00fcngl\u00fccks ist Zellers Text auch eine brilliante Beobachtung, welche zerst\u00f6rerischen Mechanismen eine pausenlose \u00dcberforderung in einem abgeschlossenen Arbeitsbiotop in Gang setzt: Verdr\u00e4ngung, Verzweiflung, Apathie, planlose Hektik, Ausgrenzung, Flucht Selbstzerst\u00f6rung oder Aggression im Kollegium &#8211; in der Amtstsube werden &#8222;Mobbing&#8220; und &#8222;Burn-Out&#8220; drastisch und schl\u00fcssig vorgef\u00fchrt.<\/p>\n<p>So ist zu begreifen, dass die Jugendpfleger eben keine \u00dcbermenschen sind, sondern irgendwann an die gleichen menschlichen Grenzen sto\u00dfen wie ihre Klientel. Als Ungleich-Gleiche aufeinander gehetzt, m\u00fcndet die gut gemeinte Hilfestellung schlie\u00dflich in den offenen Kampf zwischen Helfern und Geholfenen: Eltern, die mit dem regelm\u00e4\u00dfigen Windel-Wechsel \u00fcberfordert schienen, bringen pl\u00f6tzlich gen\u00fcgend Initiative auf, um Anw\u00e4lte oder die Medien in Marsch zu setzen. Und lassen die Damen vom Amt scheinbar mit Wonne ins offene Messer laufen. Kein Wunder also, dass am Ende ein Schlachtfeld voller zerschundener Verlierer zur\u00fcck bleibt. <\/p>\n<p>Fazit: Gro\u00dfe Themen, gro\u00dfes Theater &#8211; und auch noch gro\u00dfe Unterhaltung. Eine gro\u00dfartige Dreiecksbeziehung, zu der Autorin, Regie und Darsteller gleicherma\u00dfen beitragen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Veranstaltung am 3.10.2008 \/ Kaspar H\u00e4user Meer, M\u00fcnchner Kammerspiele Ein Amt in Deutschland: Schreibtische, Formulare,&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[11],"tags":[71,74,73,70,72],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/blog.groeg.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/39"}],"collection":[{"href":"http:\/\/blog.groeg.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/blog.groeg.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/blog.groeg.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/blog.groeg.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=39"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/blog.groeg.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/39\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/blog.groeg.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=39"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/blog.groeg.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=39"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/blog.groeg.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=39"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}