{"id":59,"date":"2010-08-02T15:29:05","date_gmt":"2010-08-02T13:29:05","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.groeg.de\/?p=59"},"modified":"2010-08-02T15:29:05","modified_gmt":"2010-08-02T13:29:05","slug":"roessl-revisited-die-wiederauferstehung-des-weisen-rosl-im-lustspielhaus","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/blog.groeg.de\/?p=59","title":{"rendered":"Roessl Revisited: Die Wiederauferstehung des &#8222;Wei\u00dfen R\u00f6\u00dfl&#8220; im Lustspielhaus"},"content":{"rendered":"<p>Das Wei\u00dfe R\u00f6\u00dfl ist tot! Das schien zuletzt einhellige Meinung der deutschen Theater zu sein. Nach jahrzehntelangem Zuritt mit schwulstigen Heimatklischees, Hubschrauberknattern und Peter-Alexander-Gejodel sowie der Helmut-Kohl-Verkl\u00e4rung des Wolfgangsees mitsamt Christoph Schlingensiefs Badeurlaub f\u00fcr Arbeitslose schien das 1930 uraufgef\u00fchrte Singspiel vom Salzkammergut, dem sch\u00f6nen Salzkammergut bestenfalls noch f\u00fcr Trash- und Zombie-Reiterferien zu taugen.<\/p>\n<p>Erstaunlich also, dass Lustspielhaus-Regisseur <strong>Christian Lex <\/strong>sich f\u00fcr die Sommerspielzeit das R\u00f6\u00dfl vornimmt. Und noch erstaunlicher: Er nimmt das Werk ernst. Und eben deshalb nicht w\u00f6rtlich. So gelingt es ihm, die Geschichte vom gro\u00dfem See, dem kleinem Wirtshaus, der ewigen Sehnsucht und den pl\u00f6tzlichen drei Hochzeiten auf gute zwei Stunden herunter zu destillieren. Und auf nur sieben Darsteller.<\/p>\n<p>Aber was f\u00fcr welche: F\u00fcr die Paraderollen hat Lex gestandene Kabarettisten gecastet, von denen jede und jeder ein Urgew\u00e4chs seines jeweiligen R\u00f6ssl-Biotops ist. Los geht\u2019s mit <strong>Severin Groebner<\/strong>, in seinen Soloabenden Prototyp des \u00d6sterreichers,  der als Zahlkellner Leopold von Anfang an so raumgreifend gelassene Tr\u00e4gheit ausstrahlt, dass man f\u00fcr die trotz Premierengedr\u00e4nge f\u00fcrsorgliche Aufmerksamkeit des passend gedirndelten Lustspielhaus-Personals an diesem Abend besonders Dankbar ist.<\/p>\n<p>Ziel seiner gem\u00e4chlichen, aber doch inbr\u00fcnstigen Sehnsucht ist <strong>Luise Kinseher <\/strong>als Wirtin Josepha, in deren robuster Gesch\u00e4ftigkeit stets so viel gro\u00df\u00e4ugige Hilflosigkeit sichtbar wird, dass man Leopolds Avancen beinahe selbst mit Eifersucht begegnet.<\/p>\n<p><strong>Thomas Wenke<\/strong> \u2013 zuletzt Mitglied im Ensemble der Lach- und Schie\u00dfgesellschaft \u2013 ist als Dr. Siedler ein \u00fcberzeugend schillernder Lebemann, hat aber seine allergr\u00f6\u00dften Momente als schwerh\u00f6riger Kaiser, der im Rollator \u00fcber die B\u00fchne quietscht und die trivialen Lebensweisheiten des Singspiels so zerbrechlich austeilt, dass sie schon wieder anr\u00fchren k\u00f6nnen. <\/p>\n<p>F\u00fcr Leben und Lautst\u00e4rke sorgt derweil <strong>Norbert Steinke<\/strong>. Er gibt den Berliner Totalquerulanten Giesecke mit einer Vehemenz, die auch im grantler-abgestumpften Bayern noch durchdringt.  <strong>Josepha Sophia Sem <\/strong>reizt und neckt mit doppelb\u00f6diger Unschuld als sein T\u00f6chterchen Ottlile. Und Regisseur Christian Lex schl\u00fcpft schlie\u00dflich selbst noch in die Rolle des sch\u00f6nen Sigismund, dessen kleine Sch\u00f6nheitsfehler  aber bald die am\u00fcsante Frage stellen, ob er vom sch\u00fcchternen Kl\u00e4rchen tats\u00e4chlich abg\u00f6ttisch bewundert oder von ihr abgekl\u00e4rt um den Finger gewickelt wird.<\/p>\n<p>Zu Tempo und Unterhaltung tr\u00e4gt schlie\u00dflich in ganz besonderer Weise<strong> Constanze Lindner <\/strong>bei, die in ihren beiden Rollen in geradezu chaplinesker Manier mit Armen, Beinen und Gesicht viel mehr redet als mit Ihrem forsch fordernden (Kathie) oder zuckers\u00fc\u00df lispelndem (Kl\u00e4rchen) Mundwerk.<\/p>\n<p>Eine  im Vergleich zum Schauspiel  noch dramatischere Rosskur wird im Lustspielhaus der Musik zuteil: Vom einst gigantischen Orchester (in der j\u00fcngst wiederentdeckten Originalpartitur kommen bis zu 250 Musiker vor)  bleiben in der Bearbeitung von <strong>Stefan Dettl <\/strong>(LaBrassBanda) und Hans Kr\u00f6ll grade mal drei Blechbl\u00e4ser \u00fcbrig. Die aber als Trio dennoch jede Nuance der Musik treffen und sich dabei weit aus dem volksmusikalischen bis in den Jazz und den Swing hinauswagen. <\/p>\n<p>So ist dank dem konsequent umgesetzten Arbeitsmotto \u201ewenig Aufwand, viele Ideen\u201c alles zu sehen und zu h\u00f6ren, was ein lebendiges R\u00f6ssl ausmacht: Die Ohrwurm-Musik aller R\u00f6ssl-Schlager ebenso wie das Gewitter \u00fcberm Wolfgangsee, s\u00e4mtliche amour\u00f6sen Verwicklungen, den Kaiser selbst und in der Summe einen ganzen Abend lang kurzweilig intelligente Unterhaltung.<\/p>\n<p>Allein mit dem Ton hatte die Premiere mitunter noch zu k\u00e4mpfen. Die Mischung der auch unverst\u00e4rkt sehr pr\u00e4senten Bl\u00e4ser mit dem Gesang war gerade vorn im Saal mitunter unausgewogen. Vermutlich vor allem ein technisches Problem, denn hin und wieder blieben einzelne Darsteller ganz ohne Verst\u00e4rkung. <\/p>\n<p>Dass es nach der Pause im Ensemble ein Wenig menschelte und die Darsteller spontan liegengebliebene Requisiten verr\u00e4umten, miteinander \u00fcber den richtigen Text debattierten oder auch einen zweiten Anlauf in eine Musiknummer einforderten, das konnte am Premierenabend die Begeisterung des Publikums nur noch mehr anfachen. So gab es einen klanglich mehr als befriedigenden Schlussapplaus, in dessen nicht enden wollendem Get\u00f6se Constanze Lindner mit einer feinen Nuance zum Publikumsliebling gek\u00fcrt wurde.<\/p>\n<p>Womit also bewiesen w\u00e4re: Das R\u00f6\u00dfl lebt, es ist sogar quietschlebendig. Es muss nur frisch aufgez\u00e4umt und mit Hingabe, aber ohne Pomp und Pathos vorgef\u00fchrt werden. Weitere Ausritte gibt es bis zum 14.8.2010 jeweils dienstags bis samstags. Ein Besuch wird empfohlen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Wei\u00dfe R\u00f6\u00dfl ist tot! 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