Luxus für Lyrik: Slam Poetry auf der „Experimentellen 16“

Genau so sah schon immer mein Poetiker-Traum aus: In eine der schönsten Gegenden Deutschlands reisen, mit der Regionalbahn eine Stunde lang den Bodensee entlang tuckern und dann am Ziel gleich vor dem Bahnhof von einem Plakat mit der eigenen Visage drauf begrüßt werden. 500 Meter entfernt hat der Veranstalter ein schönes Hotelzimmer reserviert (und nicht nur das: er hat es auch bezahlt!). Nach einem guten Abendessen geht es mit Chauffeur von dort aus in Begleitung einer bewährten Kollegin und einem –gen (Katinka Buddenkotte und Stefan Abermann) auf ein historisches Schloss, wo im Schlosshof zwischen Palmen und Skulpturen schon ein Mikrofon nebst einem hundertköpfigen Publikum in der Abendsonne warten.

Die Triobesetzung auf der Bühne erlaubt während des wolkenlosen Sonnenuntergangs einen komfortablen 1:2-Rhythmus aus Vortrag und Vorglühen, das Publikum ist begeistert bei der Sache, ein zweiköpfiges Pressekommando knipst und schreibt mit und nach einem rauschenden Schlussapplaus spendiert der Schlossherr im Mondschein noch drei Quadratmeter Pizza und einen Hektoliter Rotwein.

Das alles habe ich natürlich zunächst nicht für wirklich halten können. Aber als ich nach dem Aufwachen im weichen Hotelbett am Frühstücksbuffet aber tatsächlich auch noch die Traumgage vom Vorabend wieder in meiner Tasche vorfand, musste ich doch endlich begreifen, dass mir alle oben geschilderten Beglückungen bei meinem Auftritt auf Schloss Randegg tatsächlich genau so zugestoßen waren.

Also, liebe Veranstalter: Durch die Erfahrung anstrengungslosen Wohlstands und Wohlbefindens bin ich ab sofort total verzogen und verdorben. Nachtquartiere in Form von Backstage-Sofas, Kleinkunstbühnen als verkappte Raucherkneipen und halbleere Säle mit desinteressierten Gamma-Trinkern halte ich folglich fortan nicht mehr für gottgegeben.

Bei Fragen zu den Details der artgerechten Künstlerbetreuung wenden Sie sich bitte an:
Förderkreis für Kultur und Heimatgeschichte e.V., Gottmadingen und dessen fürsorliche und lebenslustige Vorstände und Schlossherrn Roland Huber, Bernd Gassner und Titus Koch. Und richten Sie dort bitte auch gleich meinen herzlichen Dank aus!

P.S.: Das hier hat der Südkurier geschrieben.

P.P.S.: Zusätzlich zur Schloss-Lesung gab es noch eine Open-Air-Matinee im benachbarten Thayingen / Schweiz. Dort ist aus dem alten Dorffriedhof ein sehr lebendiges Areal geworden: Um ein kleines Amphitheater herum finden sich Schaukeln und Rutschbahn und direkt am Bühnenrand steht ein gemauerter Grill.

5 Minuten Ruhm: SLAM2008, Tag zwei

Andy Warhol hat jeden Menschen für’s ganze Leben 15 Minuten Ruhm versprochen. Das hätte auf dem SLAM2008 immerhin bis in die erste K.O.-Runde des Finales gereicht. Für mich war aber schon nach fünf Minuten das Ruhmende erreicht. Na gut, ich kann mich damit trösten, dass mit Sebastian 23 (Vize-Slam-World-Champion), Andy Strauß (Freak-Slammer 2007), Björn Högsdal und Jakob Nacken keine ganz unbekannten die Plätze im Halbfinale eingenommen haben.

Gelost war ich auf Position 6 – und damit direkt nach Andy, der mit einer wirklich überirdisch absurden Kurzgeschichte antrat: Ein konsumgeifernder Gnom baut in der heimischen Küche ein Nest, um den kompletten Inhalt eines Versandhauskatalogs mitsamt Fotomodels auszubrüten. Der Saal tobte. Und mein anschließendes Toben mit dem Laub blasenden Frührentnern ging im Mittelmaß unter.

Ein Kompliment noch an Jakob Nacken für seine auch beim wiederholten Anhören schöne Reflexion des ganzen Lebens anhand seines unter dem Kopf der Freundin eingeschlafenen linken Armes.

Meine Slam-Kondition war anschließend erst einmal am Ende – ich bin planlos durch das U20-Finale und diverse Einzel- und Team-Vorrunden geirrt, ohne wirklich etwas wahrgenommen zu haben. Ab heute also nur noch aus der Betrachter-Perspektive.

Gipfel & Gedichte: Der erste Tag des SLAM2008

Wow, jetzt ist es wieder soweit: Die Meisterschaft aller Deutsch sprechenden Slams um den Champion aller Slam Champions wird ausgetragen. Für alle mittendrin ist das ganze aber weniger ein Wettbewerb, sondern vor allem ein Familientreffen der Slamily. Treffpunkt in diesem Jahr: Der Züricher Schiffbau, einst Werfthalle und heute als Industriedenkmal Spielort des Züricher Schauspielhauses.

Meine Rechtfertigung mitzufeiern ist die Münchner Kiezmeisterschaft, die ich gemeinsam mit Heiner Lange vertrete.

Organisatorisch haben die Züricher Familienhäupter ganze Arbeit geleistet; gleich in der ersten Stunde erhalte ich nicht weniger als fünf Teilnehmerausweise:

  • Ein SLAM2008-Button zum Erwerb subventionierter Getränke (überlebenswichtig bei den Züricher Getränkepreisen)
  • Ein SLAM2008-Armband zum Eintritt in die Veranstaltungen
  • Ein SLAM2008-Dauerticket zur Nutzung der Stadtbuslinie 33 (aber nur der …)
  • Ein SLAM2008-Namensschild zur Pflege sozialer Kontakte
  • Eine Chipkarte der Jugendherberge

So ausgerüstet öffnen sich alle Flaschen und Türen und ich kann vor meinem eigenen Dichter-Kampfeinsatz erst noch ein wenig Schlachtenbummler spielen.

Der Weg zum Champ aller Champs beginnt in einer der zwölf Einzel-Vorrunden, die aus jeweils zwölf Kandidaten je vier für eines der Halbfinals qualifizieren. Gleich zwei meiner Münchner Mitdichter hat es in die Vorrunde 3 im Moods-Jazzclub gelost. Eine der drei Runden, die um 20 Uhr den Wettbewerb eröffnen. Und leider allesamt ohne Sacrifice Poet ausgetragen werden.

Der erste Wettbewerber muss also einen Kaltstart bei undefinierter Stimmung und Erwartung im Publikum hinlegen. Und weil der erste der Runde 3 den Slam-Motor doch nicht richtig zum Laufen bekommt, muss auch Rundenzweite Sarah Hakenberg noch schwer kämpfen, den Saal in Fahrt zu bekommen. Ihre „Geschichte, die ich morgen schreiben werde“, landauf landab slamerprobt, kommt gut an und wird dann dankbar, aber leider nicht enthusiastisch gefeiert.

Kiezkollege Heiner Lange hat es einige Startplätze später dann leichter. Bei seiner „Backpacker“-Tour durch den Kulturinzest der lonely-planet-gläubigen Globetrottel folgen ihm alle Zuhörer schon mit mehr Begeisterung. Oder besser: fast alle. Denn als die Notentafeln der Jury hochgereckt werden, reicht sind Bewertungen von 9,3 bis 3,5 Punkte zu lesen. Ist da ein Jünger der Lonely-Planet-Sekte
nach Zürich getrottet?

Weiter geht es mit viel Abwechslung und Überraschungen. Auf der Bühne ebenso wie auf den Notentafeln. Annika Blanke hat den Mut, in der Schweiz vom Heavy-Metal-Festival in der ostfriesischen Provinz zu berichten und landet nach einem etwas gehetzt wirkenden Vortrag, der schließlich vom Moderator abgebrochen wird, weit oben in der Wertung. Die verschiedenen True- Trash- Black- und Emo-Fraktionen dieses Musikgenres scheinen auch in Zürich bekannt zu sein. André Herrmann Punktet mit der Leidensgeschichte eines von der Arbeitsagentur zwangsverpflichteten Weihnachtsmannes aber noch etwas höher.

Empfundener Höhepunkt ist dann Remo Rickenbacher, der sich mit den Mantras sämtlichen Werbefloskeln des letzten Jahres autosugestiv an die Disco-Angebetete heranarbeitet. Eine perfekte Kongruenz der der Figur auf der Bühne mit der im Text, ein wenig Konsumkritik, eine ordentliche Bühnenpräsenz, ein Kleinwenig Lokalkolorit, eine Prise Zotigkeit, wenn der Werbegedopte am Ende in einer Pfütze aus Erbrochenem ausgleitet und dann auch noch das unverwüstliche Mann-begehrt-Frau-in-der-Disco-aber-traut-sich-nicht-Thema: Das alles bringt den Saal zum Toben und reicht in der Summe am Ende für den Rundensieg.

Vor diesem Ende zeigt aber noch einmal einer, dass es auch ohne Er-sucht-Sie und Exkremente geht: Gauner begegnet auf einer Zugfahrt sich selbst, schnüffelt vorsichtig durch Regale mit Erinnerungen, Verletzungen und Verdrängtem – beschließt dann aber, das alles zurück zu lassen um nach vorn zu blicken. Eine schöne Sprache, ein freier, ruhender Vortrag und ein bedeutsames, aber unverbrauchtes Thema – das weiss auch die Jury zu honorieren, die ihn Punktgleich mit André auf den geteilten dritten Platz hebt. Was dann im letzten Augenblick Nominationsmünchnerin Sarah auf den undankbaren fünften schiebt.

So werden Remo Rickenbacher, Heiner Lange, André Herrmann und Gauner im Halbfinale weiterkämpfen. Sarah aber wird ganz bestimmt morgen irgendwo eine ganz andere Geschichte schreiben.

Biblio- statt Kneipen-Theken

Veranstaltung am 24.10.2008 / Stadtbibliothek Nürnberg

Bibliotheksnacht der Stadtbibliothek Nürnberg – das klingt nach neonbeleuchteten Regalschluchten, in denen wasserglasige E-Lyriker gegen den Weltschmerz anflüstern. Tatsächlich übertrifft mein erster Eindruck sogar noch alle diesbezüglichen Angstbilder: ich finde eine menschenleere neon-röhrende Regal-Rodungsfläche vor, die vollflächig mit einer halben hundertschaft Ballermann-bewährter Plastikstühle gepflastert ist.

Aber der Veranstalter und Moderator Michael Jakob hat seine Hausaufgaben sauber erledigt: Als es schließlich losgeht, sind alle hässlichen Stühle mit anmutigen Menschen verdeckt und das Neonlicht zugunsten eines Scheinwerfers abgeklemmt, was für absolut unbibliothekarische Lebhaftigkeit sorgt.

Michl hat aber noch für eine zweite Überraschung vorbereitet: Er hat den Slam still und heimlich als Städte-Battle konzipiert. Franken (Nürnberg) sollen also im K.O.-System gegen Nichtfranken (München) antreten. Mich lost es an den letzten Platz der ersten Runde. Ein echtes Losglück, denn in jeder Ausscheidung geht konsequent der zuerst auftretende Poet K.O.. Felix Bonkes wundervoller Thalamus-Text wird von Nachfolgerin Clara Nielsen auf die Bretter geworfen; Miss Wortwahls erotisch-morbides Meeresgedicht unterliegt dem ihr folgenden Björn Dunne, Heiner Lange muss sich mit BEEP-komischer Fernsehsatire seinem Nachfolger Schlumpf geschlagen geben. Und ich schaffe als Zuletztslammer nach Tobias Ludolph den Einzug in die zweite Runde.

Die Räumt dann rasch mit der Landeshauptstadt auf: Die unfrankierten Björn (der als einziger an diesem Abend mit der Regel vom Sieg des Zweitgelosten bricht) und ich fliegen raus. Clara und Schlumpf machen das Battle als fränkischen Bürgerkrieg unter sich aus. Dort legt Schlumpf dann doch einmal die pechschwarze Maske ab und beginnt ein Wenig humoristisch zu funkeln. Aber Clara ist nach ihm dran und beweist noch ein letztes Mal die Regel der Zuletztgewinner.

Ach ja: Zwischen den K.O.s darf Jon Nielsen zweimal als Featured Artist auf die Bühne. Und kann dort zunächst mit Wortspielereien brillIEREN um schließlich in „Des Kaisers neue Kleider“ geschickt das Märchen und seine eigene Schriftstellerfigur zu verweben.

Mit jeweils einem „Was ist Was“ Buch-Trostpreis ziehen die Münchner gemeinsam Wunden leckend zurück ins heimische Dichterlager.

Scharfe Dichter, wenig Richter: Poetry Slam in Passau.

Veranstaltung am 23.10.2008 / Poetry Slam im ScharfrichterHaus Passau

Im Passauer ScharfrichterHaus hatte ich bei meinem letzten Auftritt im Januar auf der Bühne kaum noch Platz zwischen den dorthin ausgewichenen Publikumsmassen gefunden. Diesmal ist die Saalfüllung nach dem Schema „ein Gast – ein Stuhl“ geradezu gutbürgerlich. Was die Moderatoren sichtlich beunruhigt.

Aber egal: Dichter und Richter gibt es auch diesmal mehr als genug. Den Dichter-Anfang macht das Passauer Slam-Urgestein Norbert Schimmelpfenning mit einer beschaulichen Gespenstergeschichte. Dann legt Daniel Schulze los und liefert ein erschütterndes Geständnis seiner Sucht ab: Er ist schwer obstabhängig; als er dann noch Adolf Hitler als Jean Pütz reinkarniert hat er den Saal ganz auf seiner Seite.

Still wird es dann in Stefan Pongrazs „Die Eisblume“ und Theresas rätselhaftem Kurzgedicht „Der Richter“. Zum Rundenschluss brilliert Sabine Oberpriller in der Rolle der Meerjungfrau, die sich auf ihre Insel geflüchtet hat, um allen Bedrohungen der Welt zu entgehen – und dabei aber eben auch alle Chancen und Herausforderungen verpasst. Der Vortrag gelingt ihr ebenso sprachlich schön wie authentisch. Aber der Saal hat humoristisches Blut geleckt, und so wird Daniel ins Finale durchgereicht.

Bevor es weiterslamt, wird wieder das „Kleinod des Monats“ ausgelobt, ein in Worten unbeschreibliches Poesie-Objekt (siehe Fotos oben) aus wetterfestem Hartplastik. Das Publikum bestimmt per Plädoyer einen Beschenkten – ich komme zum Glück unbeschenkt davon.

Den Auftakt nach der Pause macht Andi Aretzberger – „Schau dich schlau mit Pan Tau“ ist eine tatsächlich schlaue Medienkritik. Erik Weber referiert leicht vergeistigt über „Die Kunst deutscher Sprache“, Sebastian Ihle trägt über das Leben vor. Sebastian Stopfer zeigt dann totalen Sprach- und Körpereinsatz, schreit und stirbt auf der Bühne – bleibt aber mit Themen wie „Saurer Regen“, „Blut“ und „Lebendig begraben“ durchweg düster.

Als allerletzter Kandidat darf schließlich ich auf die Bühne, lese eine Geschichte aus dem neoliberalen Märchenbuch vor und erzähle, weil der Wecker noch nicht klingelt, noch vom tragischen Amseltod eines liebeskranken Wurmes. Dem Publikum gefällts und ich darf gleich übergangslos im Finale weitermachen und den Laubbläser über die Bühne toben lassen.

Bei Co-Finalist Daniel Schulze brechen dann der Protagonist samt Großmutter im Auto nach Österreich auf. Mit Hund. Und Hund kann sprechen. Publikum begeistert. Doppelsieg. Daniel erklärt übrigens auch nach Konsum des Slam-Whiskeys standhaft, nie etwas von Marc Schuster gehört zu haben.

Um meine multimedialen Neigungen auszuleben, habe ich eine billige Kompaktkamera in der Tasche. Die ich nach Betrachten der obigen Fotos übrigens wieder beim Händler zurückgegeben habe.

International-spektakuläre Starpoeten: Poetry Slam im Substanz

Veranstaltung am 12. 10. 2008 – Substanz Poetry Slam, München.

„Internationale Starbesetzung“, „Europas größter Poetry Slam“, „spektakuläre Poeten aus dem In- und Ausland“ – die Veranstalter des Substanz Poetry-Slams in München halten sich in ihren Ankündigungen traditionell nie zurück. Halten dieselben dann aber ebenso konsequent auch immer wieder ein.

Das Größheitsversprechen wird schon vor dem ersten Wort auf der Bühne mit einer gigantischen Wartschlange auf der Straße eingelöst, die zusammengefaltet so gerade eben ins Substanz hineinpasst. Ich habe diesmal eine tragfähige Entschuldigung, mich vorbei zu mogeln: Ich bin mal wieder in den Lostopf der Local Slammer geworfen.

In banger Erwartung eines intenational größten Spektakels habe ich zwei Szenarien (Krachlyrik/Flüsterprosa) vorbereitet. Und die Absicht, auf der Bühne kontextsensitiv zu entscheiden. Allerdings wird mein Zettelchen dann gleich als allererstes aus dem Topf geangelt und ich stehe nach mehrminütigem Rudern durch die Menge vollkommen kontextfrei am Mikrofon. Dort entscheide ich mich für die „Stimmungsschwankung“ (lyrik, laut), meine selbstreflexive Publikumsbeschimpfung.

„Die hier hinten waren echt ein Bisschen sauer …“ bekomme ich als Kompliment nach der Rückkehr zu hören. Aber egal. Im Slam gilt schließlich: Früher Vogel weckt den Wurm. (Der dann von den Spätaufstehern, bzw. -tretern gefressen wird.)

Für die erste Dosis Internationalität ist die Schweizerin Daniela Dill zuständig. Ich beginne, während ihrer Blümchen-Bienchen-Herzchen-Schmerzchen-Ballade über einen Trivialreim-Sensor für Sprinkleranlagen nachzudenken, der bei wiederholter Herz-Schmerz-Verversung großzügig kaltes Wasser auf der Bühne versprüht. Der ist aber noch nicht erfunden und so gibt es diesmal nur feuchte Augen.

Begeistern kann mich anschließend Ana Ryue, die eine zwischen Verzweiflung und Hoffnung schwankende Geschichte von den gesichtslosen Gestalten erzählt, die ihr tagtäglich begegnen. Und die ihre große Chance zur Menschwerdung ebenso täglich aus Trägheit und Bequemlichkeit verpassen.

Den Rundenabschluss macht schließlich Life-a-Holic Bumilllo mit seiner Enthüllung des Mantras einer geheimnisvollen Sekte vor der Universität: „Süddeutsche Zeitung kostenlos“. Der Saal tobt in voller Länge und Breite – und tut das bei der Abstimmung gleich noch ein zweites Mal. Jede Debatte um den Rundensieger erübrigt sich.

Direkt nach der Pause platzt die lyrische Bombe: Wehwalt Koslovsky und Frank Klötgen treten als „K&K leichtvers.stört“ im Team an und verpassen Schillers Taucher eine radikalpathetische Runderneuerung: „Der Täucher“ ersetzt den heldenverschlingenden Ozean durch einen pudelverdauenden brackigen Dorfteich, hat dort aber dank Klötgen & Koslovskys erbarmungslosen Stimm- und Körpereinsatz mehr Sturm & Drang als Schiller selbst lieb gewesen sein dürfte.

Was kann da eigentlich noch kommen? Ach ja: Zunächst Boshi-San mit dem durchaus klugen „Bekenntnis eines deutschen Rappers“, dann Diana Rodger (England) mit einem wirklich wild-pathetischen „Love Poem“. Und im Anschluss Volker Keidel, bei dessen absurder Weltverbesserungsprosa mit „Herbal Essences“ Shampoo sich der Saal vor Lachen kaum auf den Beinen halten kann. Stefan Abermann schwört zum Abschluss die Slam-Gemeinde auf den Datenschutz ein und erklärt seinen Namen zu „Open Source“ – auf dass alle Anmeldungen in Zukunft nur noch auf den Namen „Abermann“ lauten.

Beim Aplauslauschen setzt sich das Balladendoppel knapp gegen den Shampoophilosophen Keidel durch. K&K vs. Bumillo lautet also die Aufstellung des Finales. K&K knöpft sich mit „Der Fister“ einen weiteren Klassiker vor und prollt mit Dr. Faust durchs Brandenburger Tor, der Life-a-Holic beschwört München empathisch als „Geldstadt mit Scherz“. Tumult. Ekstase. Radau. Die Ermittlung eines Siegers wird aufgegeben.

Neuer Meister für den Kiez

Veranstaltung am 20.9.2008 / Kiezmeisterschaft, München

Die Kiezmeisterschaft an jedem dritten Samstag eines Monats ist mein Slam-Jour-Fixe. Aber gerade deshalb auch mein Angstslam. Denn ich habe hier so ziemlich jede Zeile meiner gesammelten Werke schon einmal vorgetragen. Und Veranstalter Ko Bylanzky wacht eisern über das Verbot von Wiederholungen. Weshalb ich die dritten Samstagnachmittage jedes Monats regelmäßig am Schreibtisch verbringe, um dann mit einem Werk anzutreten, bei dem die Tinte noch feucht – pardon, besser: der Toner noch warm – ist. Diesmal muss ich aus Gründen des Fertigstellungstermins sogar meinen Wochenendeinkauf (Brot, Käse, Milch) mit ins Stragula nehmen – aber egal: ist ja alles für die Dichtkunst.

Slamchef Bylanzky lässt sich diesmal entschuldigen, wird aber mit Dichter Heiner Lange und Life-a-Holic Christian Bumeder (aka Bumillo) durch zwei einschlägig vorbeslammte vertreten. Die beiden machen ihre Sache gut: Energetische Anmoderationen und souveräne Abwicklung der Bewertung verschaffen jedem der zwölf Dichter eine aufmerksame Atmosphäre im zwischendurch (wiesnbedingt) etwas unruhigen Publikum.

Den ersten Höhepunkt des Abends schafft gleich am zweiten Startplatz Sonja Popp. Die junge (vermutete) Schülerin schildert ihre Erlebnisse aus Großmamas „Umerziehungslager“ zur perfekten Haus- und Ehefrau. Originell erzählt und gespickt mit den Hausfrauentips der vorletzten Generation („Siehst Du Kalk auf Fliesen sprießen, gleich mit Essig übergießen“) stellt sie ganz unaufdringlich famililäre Rollen und Abhängigkeiten zur Diskussion. Die Person auf der Bühne – ihre eigene offenbar – passt haargenau zu Rolle und Stil. Perfekt. Schade, dass die Jury am Anfang des Abends offenbar noch nicht ganz in ein konsistentes Bewertungsschema gefunden hat.

Benedikt Halkel zieht im Folgenden mit seiner stillen Poesie die Wertungen nach oben. Muss sich aber gleich Wolfgang Tischer geschlagen geben, der mit dem ganz neuen Genre der Suffix-Poesie antritt. In seiner Chat-Korrespondenz mit der Chinesischen Freundin Ling erklärt er “ … ich habe dich Lieb, Ling“, mutiert dann aber zum “ … dann werde ich wüst, Ling“.

Der Begeisterungs-Gipfel der Jury ist jedoch erst direkt nach der Pause mit Jakob Nacken erreicht. Der dekliniert nachts im Bett aus Anlass seines unter der schlafenden Freundin eingeschlafenen Arms sämtliche großen Fragen der Paarbeziehung durch. Denkt, spricht und agiert dabei so überzeugend authentisch wie es sich für sein Berufsbild aus Theaterpädagogen, Darsteller und Improspieler wohl gehört. Ganz großes Theater, das den restlichen Abend nicht mehr zu toppen ist.

Im Schatten dieses Gipfels tummeln sich anschließend Sebastion Stopfer mit seiner apokalyptischen Deutschland-Science-Fiction, Christoph Kastenbauer mit der stillen, aber doch schonungslosen Betrachtung verfahrener Familienverhältnisse, Manni Eder, André Jahn – und direkt im Anschluss an Jakob auch ich selbst mit meinem Geheimtip, was nach Öl-, IT- und Immo-Krise der nächste Börsen-Hype sein wird: Gedichte (zumindest so lange, bis auch die Sprech-Blase platzt).

Für mich reicht es knapp ins Finale, wo ich als dritter gleich zum Auftakt mit Pantherversteher Rainer Maria M. abrechne. Suffix-Dichter Tischer erklärt dann deutsche Vor- und Städtenamen, ernet aber mehr entsetztes Stöhnen als Begeisterung. Freie Bahn also für Jakob, der mit einer sprachlich schönen und stark vorgetragenen Frühlingsode an das Leben die Begeisterung klar und verdient auf seiner Seite hat. Glückwunsch dem neuem Kiezmeister.

Lausch- und Rauschangriff

Veranstaltung am 19.9.2008 / Poetry Slam „Lauschangriff“, Augsburg

Augsburg = ausverkauft. Diese empirische Gleichung gilt trotz Ferienausklang ein weiteres Mal – und die Verhältnisse an der nur für wenige Minuten wirklich existierenden Abendkasse sind so dramatisch, dass ich um kurz vor knapp noch den mir bekannten Resten der Reservierungsliste hinterher telefoniere, damit auch ganz sicher niemand umsonst weggeschickt wird. Der von hinten bis ganz vorne gefüllte Saal ist ein angenehmer Kontrast zum Ebersberger Kulturtage-Slam, wo das Publikum sich nur als „Randgruppen“ auf den Sofas entlang der weit entfernten Saalwände lümmelte.

Nach dramatischer Anmoderation von MC Horst Thieme macht Nils Rusche den gelosten Auftakt mit einer intelligent gestrickten und schön gereimtem Verschwörungsgeschichte: Die Tauben, vorgebliche Friedensstifter, metzeln sich in Wahrheit schon seit der Arche Noah blutrünstig durch die Weltgeschichte. Im Anschluss ein Augsburger Weltschmerzmelker, der mich nicht wirklich mitreißen kann. Vermutlich auch deshalb, weil ich als geladener Gast direkt nach ihm meinem Startplatz entgegenfiebere.

Der Lauschangriff ist einer der epischen Zehn-Minuten-Slams – und davon gelockt krame ich meine Selbstbeichte als (offenbar doch nicht endgültig) geheilter Poesieabhängiger aus dem Gedächtnis. Nach dem Flop der Drei-Minuten-Rasantversion beim WDR-Poetry-Slam kommt die Acht-Minuten-Variante offenbar gut an – und macht mit reichlich Gelegenheit zur Exzentrik auch als Vortragender viel mehr Spaß. Albrecht Rau verliest anschließend noch eine große Portion Trashlyrik – dann bekomme ich genug Applauslärm für’s Finale.

Ein besonderes Phänomen ist nach der Pause Matylda. Die hält ihre dunklen und destruktiven Gedanken nicht verborgen – ich erlebe sie aber als die erste Autorin dieser Art, der dazu eine darstellerische Distanz und mitunter sogar Selbstironie gelingt. Und die damit ihre eigene Zerissenheit auch für außen stehende erahnbar werden lässt. Darüber hinaus verleiht sie mit den „Zerschmetterlingen“ selbst der Zerstörung eine sprachliche Schönheit. Ihr folgt im Kontrast die nächste Autorin mit einem Fuck-George-Doublejuh-Text, dessen ungebrochener Schwall aus Hass am Publikum ganz offenbar ohne Wirkung abperlt.

Michael Jakob– zweiter geladener Gast – fährt als dritter der Runde eine Doppelstrategie: Erst mit „Papier“ etwas neues ausprobieren, anschließend mit seiner Fragenliste einen kampferprobten Knaller hinterher – die zehn Minuten Redezeit machen es möglich. Cornelia Koepsell kommt da mit durchaus interessanten und klugen, aber (am Ende auch für die zehn Minuten) zu weit scheifenden Geschichten nicht gegen an.

So stehen sich zum Finale die beiden Auswärtsgäste gegenüber. Jetzt muss es mit jeweils nur noch drei Minuten ganz schnell gehen. Ich werde rückfällig und reime „Den Butt“ zusammen, Michael initiiert mit dem „Manifest für die Nacktheit“ auf der Bühne eine Altkleider-Sammlung. Der Manifest-Applaus ist frenetisch, der Butt-Beifall in den Ohren des MC Horst aber noch ein Hauch frenetischer. Also darf ich für alle den Schampus entkorken.

Anschließend bin ich so belauscht und berauscht, dass ich um Haaresbreite den Absprung zum letzten Zug nach München verpasse. Meine zunächst fast filmreife Flucht mit dem Taxi verliert dann aber auf dem Bahnhof aufgrund einer zehnminütigen Zugverspätung doch erheblich an Dynamik …

Last Exit Ebersberg

Veranstaltung am 17.9.2008 / Kulturtage Ebersberg

„Nur fünf Minuten vom S-Bahnhof.“ Mit diesem Argument hatte Ditar Kalaja für sein Gastspiel des Poetry Slams „Freispruch“ im Rahmen der Kulturtage Ebersberg geworben. Ich kaufe also nach der Arbeit für fünf Euro einen Ergänzungsfahrschein zu meiner Monatskarte und bin um fünf nach sieben an besagter Bahnstation, wo das Gleis der Münchner S-Bahn in einem robusten Prellbock endet.

Mit der Fünferbande Manni Eder, Rüdi Lössl, Frank Sohler und einem mir bis heute unbekannten Poeten geht es von dort in den scheunenartigen Veranstaltungsraum. Dort komme ich aber nur physisch an. Was vermutlich daran liegt, dass der Mittwochabend mein fünfter nachtaktiver Tag in Folge ist und es am Abend zuvor bei Sven Kemmlers Premierenfeier doch ein wenig spät wurde (ich war gegen fünf wieder zuhause).

Ich komme dann auch gleich als allererster an die Reihe. Das Publikum (fünfzig Personen auf fünfhundert Quadratmetern) lümmelt sich auf den entlang der Außenwände aufgestellten Sofas und befindet sich somit knapp innerhalb der Hörweite. Nach mir gelingt es Michael Jakob mit einer aktualisierten „Fragenliste“ und „Tofu“ auch das entferntere Publikum zu erreichen. Rudi Lössl und Benni Hakel aka Ernst Froh machen die Viererrunde voll. Meine gefühlte Publikumswertung ist Platz fünf.

Fünf Minuten später bin ich wieder am Bahnhof, fünfzig weitere Minuten dannach sinke ich in einen komaartigen Tiefschlaf. Zum Schluss eine aufrichtige Entschuldigung an alle, die unter meiner Erschöpfung zu leiden hatten und nicht angemessen unterhalten, gewürdigt oder verabschiedet wurden.

Poesie im spielfreien Rundlauf

Veranstaltung am 14.9.2008 / Schweinfurter Dichter-Schlachtschüssel

Torpedo-Dreigang

Schweinfurt. Da denkt der Herr Ingenieur doch sofort an weich schnurrende Kugellager in der ewigkeitserprobten Torpedo-Nabe. Mich aber lockt diesmal der Open-Air-Poetry-Slam der Dichter-Schlachtschüssel in die Fränkische Tüftlermetropole.

Auch Schüssel-Chef Manfred Manger hat so einiges auszutüfteln, denn am aus dem Juli in den September verschobenen Slamtermin leuchtet zwar die Abendsonne, bringt aber draußen vor dem Ebracher Hof keine auch nur annähernd zum Stillsitzen taugliche Temeratur mehr zustande. So wird das Schüsselschlachten in die eher gediegen wirkende Gaststube verlegt, wo sich das Publikum architekturbeding vor, seitlich, hinter und unter dem Sprecherplatz arrangiert, der zudem nach vorn durch ein Balkongeländer abgezäunt ist. Auch dass hinter dem Mikrofon ein mannshoher Sparkassen-Sponsorenwimpel flattert und auf den Tischen O2-Bonbons liegen ist in der sonst kommerzallergischen Slam-Welt eher ungewöhnlich.

Um halb neun haben sich vor dieser Kulisse schließlich sieben Dichter und ein etwa vierzigköpfiges Publikum versammelt, in dem die gut trainierte Schüler-Slam-Szene den Ton angibt.

Leider sind die auswärtigen Poeten ebenso unberechenbar wie das Wetter; eine ganze Reihe sagt kurzfristig ab oder tritt ohne Nachricht nicht an. Ein Glück also, dass Christian Ritter sich auf der Reise zwischen Würzburg und Bamberg zu einem Slam-Stopover überreden lässt. Ob dieses Spontaneinsatzes ohne gedruckten Text unterwegs, darf er mit dem Notebook auf die Bühne.

Michael Feindler schafft dann gleich in der ersten Runde den Dichter-Hattrick: (1) Unverbrauchte, tragfähige Themen in (2) geschliffener Sprache – und zwar (3) lebendig vorgetragen. Das Publikum kreuzt per Stimmzettel Michael und mich ins Finale, wo sich aus der zweiten Runde noch Dauerfinalist Ritter und das Schweinfurter Team „Top 2“ hinzugesellen. Als dann schließlich das Publikum kleine Porzellanschweine austeilt, machen die Vertreter der ersten Lebenshälfte die Sache unter sich aus und Michael reckt verdient die goldene Schüssel zum überdachten Dichterhimmel.

Alles in allem ein Poetry Slam wie ein gutes Kugellager: Auch unter Belastung rund (aber nicht heiß) laufend, ein bisschen geschmiert und durch gute Pflege sehr dauerhaft.

Ich erlebe am nächsten Morgen um sechs dann doch noch ein weiteres Mal fränkische Präzision, als meine Rückreise trotz knapper Transfertoleranzen zwischen Bus, Regionalzug und ICE präzise so abläuft, wie am Abend zuvor vom Computer prophezeit.